Im Dunkeln leuchtet es am hellsten – Fotografische Arbeit von Vanessa Schmid
„Noch nie im Leben habe ich mich so angestrengt, nirgendwo hinzukommen.“
Die fotografische Arbeit Im Dunkeln leuchtet es am hellsten verhandelt, wie sich ein unsichtbarer Körper unter gesellschaftlichen Bedingungen überhaupt sichtbar machen kann und welchen Preis diese Sichtbarkeit fordert.
Im Zentrum steht ein Körper mit seltener, fortschreitender Erkrankung, der eine massive gesundheitliche Verschlechterung erlebt, ohne Sprache, Diagnose oder sozialen Kontext.
Die Arbeiten entstehen über fünf Jahre hinweg im Zustand des Nicht-Wissens, in einem Davor, in dem körperliche Realität existiert, gesellschaftlich jedoch nicht anerkannt wird.
Künstlerische Arbeit über Körper, Unsichtbarkeit und chronische Erkrankung
Die Serie zeigt keinen Verlauf im Sinne von Heilung oder Fortschritt. Sie folgt keiner linearen Erzählung, sondern bildet körperliche Zustände ab: Orientierungslosigkeit, Ausharren, Überforderung, Widerstand, Dysautonomie, Weiterleben.
Der Körper erscheint nicht als Objekt, sondern als Raum, in dem Zeit sich dehnt, bricht und wiederholt. Krankheit produziert hier kein klares Innen oder Außen, sondern einen instabilen Zustand permanenter Grenzverhandlungen.
Davor – Dazwischen – Jetzt: Zeit, Diagnose und gesellschaftliche Teilhabe
Im Dunkeln leuchtet es am hellsten ist im Spannungsfeld der Zeitebenen Davor, Dazwischen und Jetzt verortet.
Diese Begriffe markieren keine Bewegung von außen nach innen, sondern beschreiben eine politische Realität des konstanten Dazwischen-Seins.
Wer sich im Davor befindet, existiert außerhalb von Anerkennung, ohne Zugang zu Hilfesystemen, ohne gesellschaftliche Zeitlichkeit, die Stillstand, Rückzug oder Langsamkeit erlaubt. Im Dazwischen wird der Körper zunehmend sichtbar, jedoch unter Bedingungen von Misstrauen, Stigmatisierung und Anpassungsdruck.
Diagnose als Machtinstrument, Ableismus und struktureller Ausschluss
Zentral ist die Diagnose als ambivalentes Machtinstrument.
Sie ermöglicht Sprache, Lesbarkeit und formalen Zugang zu Unterstützung. Gleichzeitig markiert sie den Körper als abweichend und erzeugt neue Formen des Ausschlusses.
Besonders bei unsichtbaren, dynamischen Behinderungen wirkt Ableismus als strukturelle Falle: Wer Hilfsmittel nutzt, gilt als „zu krank“ und wird ausgeschlossen. Wer keine nutzt, gilt als funktional und verliert jeden Anspruch auf Unterstützung. Innerhalb dieses Systems existiert kein stabiler Ort.
Was geschieht mit Menschen, deren Körper sich verschlechtern, ohne benennbar zu sein?
Ohne Diagnose gibt es keine Lobby, keine Legitimation, keine Absicherung. Körperliche Grenzen werden fortwährend überschritten, um gesellschaftlich anschlussfähig zu bleiben - bis es nicht mehr funktioniert. Leistungsfähigkeit fungiert nach wie vor als Eintrittskarte zur Gesellschaft; ihr Verlust bedeutet Isolation, Armut und psychische Erschöpfung.
Die Serie verhandelt diesen Zustand als körperpolitische Realität, in der medizinische Macht, Kapitalismus und normative Zeitregime ineinandergreifen.
Die analoge Serie arbeitet nicht dokumentarisch, sondern epistemisch. Unschärfen, Bildausfälle und materielle Überstrapazierung sind keine ästhetischen Effekte. Sie sind Entsprechungen einer Realität, in der Kontrolle nie gegeben war, auch nicht im eigenen Körper.
Das bewusste Überschreiten materieller Grenzen, sowie die Verwendung von abgelaufenen Filmen, spiegelt dabei das fortwährende Überschreiten körperlicher Grenzen im Alltag. Diese Arbeit ist kein Stil, sondern eine Bedingung.
Alle Fotografien sind Selbstporträts. Nicht als ästhetische Entscheidung, sondern als existenzielle Praxis: eine Strategie, um unter Bedingungen von Unsichtbarkeit, Erschöpfung und zeitlicher Nicht-Verfügbarkeit überhaupt sichtbar zu bleiben.
Die Bildreihe folgt einer Logik der Wiederkehr. Der Erhalt der Diagnose im Jetzt markiert keinen Abschluss, sondern eine Verschiebung: Sie öffnet einen Zugang und schließt zugleich neue Räume.
Analoge Fotografie, Selbstporträt als existenzielle Praxis und körperliche Erfahrung
Im Dunkeln leuchtet es am hellsten macht sichtbar, dass Teilhabe für viele Körper erst dort beginnt, wo sie sich einem System aussetzen müssen, das sie zugleich ausschließt.